Rezension – A History of America in 100 Maps von Susan Schulten

Dass der Name Amerika von Amerigo Vespucci kommt, weiß mittlerweile jedes Kind. Dass der Name Amerika von einer Landkarte stammt, die ein Deutscher angefertigt hatte, der einfach die Reiseberichte von Amerigo Vespucci mochte, ist wiederum nicht so bekannt. Das Buch hat bei mir für viele Aha-Momente gesorgt. Ein Freund hat es mir empfohlen.

KLAPPENTEXT

Throughout its history, America has been defined through maps. Whether made for military strategy or urban reform, to encourage settlement or to investigate disease, maps give information meaning by translating it into visual forms. As such, they offer unrivaled windows into the past. In a history of America in 100 Maps acclaimed historian Susan Schulten showcases the power of maps to illuminate and complicate the past. Gathered from the British Library’s incomparable collection, the maps range from the iconic to the unfamiliar. Each is discussed to convey a fresh perspective on the past. Some were made by established mapmakers, while others were drawn by lesser known figures such as soldiers on the front, Cherokee tribal leaders , and the first generation of girls to be formally educated. As tools of statecraft and diplomacy, instruments of social reform or even advertisements, they demonstrate the many ways that maps reflect and influence historical change. Audacious in scope, this collection of one hundred maps offers an imaginative and visually engaging tour of American history.

MEINE MEINUNG

Wenn ich mich in einer mir unbekannten Stadt bewege, benutze ich meistens Karten in irgendeiner Form. Meistens als Werkzeug, um die Strecke von A nach B schnell zu überwinden. Susan Schulten führt den Leser zurück in die Zeit, in der kein Satellit mal eben über einen Landstich geflogen ist und ein Bild gemacht hat. Sie macht dem Leser sehr schnell klar, dass eine Karte weitaus mehr als eine reine Abbildung – das oben erwähnte Werkzeug – ist. Karten können lustig sein, sie können zum Nachdenken anregen und ganze Massen von Menschen dazu motivieren, sich in Bewegung zu setzen.

Das ist der Punkt an dem sie ihr Narrativ startet: Die Bewegung in Richtung Amerika. Und das ist auch schon der erste Aspekt, bei dem der Titel mehr verspricht als er einhält. Die Geschichte bezieht sich ausschließlich auf die Geschichte seit der europäischen (Wieder-)Entdeckung Amerikas, verdichtet sich im 18. und 19. Jahrhundert und behandelt fast ausschließlich die Vereinigten Staaten von Amerika. Letzteres ist für mich der zweite Aspekt eines etwas irreführenden Titels, denn Kanada oder Südamerika finden kaum Erwähnung.

Nichtsdestotrotz bietet das Buch viele Aha-Momente und ist gespickt mit interessanten Informationen. Das Buch erzählt die Geschichte einer Zivilisation voller Hoffnung auf Entdeckung und Reichtum, sowie ihren Ängsten vor realen und erdachten Bedrohungen.

Jede Doppelseite enthält eine neue Karte und einen neuen Einblick in den Gemütszustand der amerikanischen Gesellschaft zu dem jeweiligen Zeitpunkt: Das Misstrauen Gegenüber Indianern, Chinesen und später Kommunisten, die Entbehrungen der Frontier und städtische Kriminalität werden genauso in Karten verarbeitet wie der Wunsch, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

„His map dripped with sarcasm.“

Susan Schulten

Schultens Karten dokumentieren auf eine bestürzend detaillierte Weise den Schrecken der beiden Weltkriege sowie – ja – in scharfem Kontrast dazu auch die Vorzüge von Disneyland.

Und natürlich: Die Karten über Pandemien wie die spanische Grippe und Aids erscheinen in der heutigen Zeit aktueller denn je.

Die zwei eindrucksvollsten Karten waren für mich auf der einen Seite eine Karte, die Europäer dazu bewegen sollte, in die neue Welt zu ziehen. Es wurden Siedlungen gezeigt, die das europäische Leben porträtieren sollten. Indianische Siedlungen hingegen, wurden nur als Bäume dargestellt: Ein zu kolonisierender Teil der Natur. Wie zynisch.

Die zweite Karte ist tatsächlich die auf dem Einband. Sie soll den Einzugsbereich des Mississippi darstellen und ist für mich der beachtenswerte Beleg dafür, dass es beim Kartografieren auch um künstlerischen Anspruch geht. Diese Karte könnte auch von einem Surrealisten stammen.

Doch letzteres täuscht nicht darüber hinweg: Viele Karten haben eine starke ethnische Motivation, was für mich der zweite Aspekt ist, der das Buch aktuell macht.

Susan Schulten beendet das Buch dann irgendwie sehr abrupt mit einem Ausblick. Hier geht es um Verkehr und autonomes Fahren.

Ich finde, dass das Buch ein Bekenntnis zur Subjektivität ist. Karten haben die Macht, den Zeitgeist zu gestalten, anstatt ihn einfach nur wiederzugeben und leben durch ihre Reduktion auf das als wichtig erachtete. Und das bringt mich wieder an mein einleitendes Beispiel zurück: Es ist noch garnicht so langer her, dass z.B. Google Maps neben Autorouten auch Fahrradkarten oder den ÖPNV darstellt. Autos schienen lange Zeit wichtiger und somit war die Karte von Google Maps für mich als Fahrradfahrer auch nicht mehr das objektive, ideale Werkzeug, um von A nach B zu gelangen. Liest man das Buch aufmerksam, so lernt man natürlich etwas über die Vergangenheit, aber sicher auch über Gegenwart. Ich finde es empfehlenswert.

DETAILS ZUM BUCH

Autor: Susan Schulten
ISBN: 9780712352178
Verlag: British Library
Seiten: 256
Preis: 30£ (33,02€)
Erscheinungsjahr: 2018

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