Rezension – Sunrise von Michael Köhlmeier

Die Darstellung des Todes beschäftigt die Kunst, die Kultur und natürlich auch die Literatur. So findet man in der Regel ein Skelett mit einer Sense, das genau weiß, wer als nächstes an der Reihe ist. In Sunrise wird der Tod ein klein wenig anders dargestellt. Das hat imponiert. Das Buch hatte ich bei Letusreadsomebooks gefunden.

Was passiert…

Ein unentschlossener Tod
Leo soll sterben. Doch ganz so einfach ist das nicht, denn dem Tod unterläuft ein Fehler. Seine Sichel verfehlt das geplante Opfer und trifft anstatt dessen Rita. Tod gefällt sie sich nicht, findet ihre Situation auch ungerecht und protestiert. Mit Erfolg, denn der Tod lässt sich nun von Leo und Rita darlegen, warum sie denn gerade nicht sterben sollen. Dafür hat jeder von ihnen 30 Minuten Redezeit.

Meine Meinung

Was hätte ich gesagt? Welche Strategie hätte ich an Ritas oder Leos Stelle verfolgt? Mir ist sofort jemand mit einem Patentrezept eingefallen und irgendwie habe ich das Buch dann nur noch nach Indizien für dieses Patentrezept gelesen:

Ein kurzer Ausflug zu Aristoteles
Vor jeder Rede muss sich der Redner zwischen drei Vorgehensweisen entscheiden: Pathos, Logos oder Ethos.
Pathos fordert Mitgefühl, ja sogar Mitleid.
Mit Logos besticht der Redende durch Daten, einer klaren Beweisführung und den Appell an universelle Wahrheiten.
Schließlich bleibt noch Ethos, welchem sich ein Redner bedient, der durch seine eigene Autorität überzeugen will.

Zurück zu Sunrise
Worauf soll nun ein Todgeweihter zurückgreifen? Logos ist in einer solch absurden Situation ein Fehlgriff. Ethos? Nicht bei einem Gespräch mit einer höheren Macht! Da bleibt nur noch Pathos. Aber ob der Versuch ratsam ist, Mitgefühl beim Tod hervorzurufen? Beide Versuchen es mit Geschichten aus ihrem Leben. Beide reden von Liebe und dass der Tod sie eigentlich schon früher hätte holen müssen und dass jetzt nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt zum Sterben ist. Pathos und Logos.

Die Gespräche und die Reden, also im Prinzip das ganze Buch, sind so geschrieben, wie man spricht. Das macht die Protagonisten zwar authentisch, aber zur gleichen Zeit erschwert es die Lektüre. Ich muss mich bei solch einem Schreibstil immer erst länger akklimatisieren.
Die Themen berühren dann schon wieder interessante Fragen: Ist der Tod gerecht? Ist er konstruktiv? Ja gar Weltfremd? Diese Themen kommen teilweise aus dem Nichts heraus, sodass man zum Schmunzeln gezwungen wird.
Ich fand ebenfalls die Darstellung des Todes erwähnenswert. Hier haben wir es mit jemandem zu tun, der auch Fehler macht, der unentschlossen ist und der tatsächlich Beratung in Anspruch nimmt. Der Autor stellt seine Darstellung des Todes somit in scharfem Kontrast zu den herkömmlichen Todesdarstellungen, was dem sehr kurzen Buch doch einen schönen künstlerischen Touch gibt.

Ich fand Sunrise wirklich lesenswert und kann es zum Stillen des kleinen Lesehungers gerne und guten Gewissens empfehlen.

DETAILS ZUM BUCH

Autor: Michael Köhlmeier
Erscheinungsjahr: 1994
ISBN: 978-3852188188
Verlag: Haymon Verlag
Preis: 9,95 €
Seiten: 96

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