Rezension – L’Anniversaire de Kim Jong-il

Da hatte ich einfach mal wieder Lust auf einen Comic und bin auf „L’Anniversaire de Kim Jong-il“ aufmerksam geworden. Da ich ja grundsätzlich politisch interessiert bin, dachte ich mir, dass es jetzt leichte Lektüre zu Nordkorea gibt. Leichte Lektüre? Das war natürlich Quatsch, wie sich später herausstellen sollte.

Worum es geht

Jun Sang, ein kleiner Junge aus Nordorea ist am gleichen Tag geboren wie Kim Jong-il, was ihn natürlich ganz besonders stolz macht. Er ist Leiter der Pioniere aus seinem Stadtviertel und auch sonst in vielen Belangen ein Vorzeigekind des dortigen Systems. Zusammen mit seinen Freunden hilft er bei der Feldarbeit und bewacht nachts die Schule, damit bloß keine Amerikaner oder Südkoreaner dort Fuß fassen können. Jedoch ändert sich sein Leben schlagartig durch eine Hungersnot in deren Verlauf sich seine Eltern dazu entschließen mit Jun Sang und seiner Schwester über China nach Südkorea zu flüchten. Sie werden gefasst und die gesamte Familie kommt in das Konzentrationslager Yodok. Dort erlebt Jun Sang den Schrecken von Hunger, Demütigung, Folter und den Tod als ständigen Begleiter.

An Kim Jong-ils Geburtstag wird die Familie, sein Vater ist mittlerweile gestorben, entlassen. Jun Sang und seine Schwester versuchen erneut nach China zu fliehen und sind auch diesmal erfolgreich. Am Ende werden sie durch eine im Untergrund operierende Hilfsorganisation gefunden, die schließlich Jun Sangs Schwester nach Südkorea bringt. Jun Sang bleibt in China, um Nordkoreanern bei der Flucht zu helfen.

Das hat gesessen…

Es ist ein ganz fader Beigeschmack, der von dem Buch bleibt. Die Autoren schaffen es, durch die Augen eines Kindes und seiner Unschuld die Brutalität des nordkoreanischen Regimes zum Ausdruck zu bringen. Öffentliche Hinrichtungen, Feindbilder, Indoktrinierung und diese allgegenwärtige Brutalität sehen auf einmal so normal aus und sind doch auf eine Weise spannungsgeladen, weil man diese Aspekte nicht dem Leben eines Kindes zuordnen würde. In gewisser Weise also ironisch.

Diese Spannung zieht sich dann auch durch das gesamte Buch. Die Bilder sind alle irgendwie putzig und süß. Die Themen hingegen sind zum Heulen. Nach der Denunziation der Familie und während der Internierung wechselt die Farbgebung zu schwarz-weiß und ich dachte mir: Endlich! Die Farben passen nun mehr zu den Themen und das Bild beim Lesen wird in gewisser Wiese stimmiger.

Die Entwicklung des Charakters des Jungen fand ich okay bis hin zu etwas übertrieben. Zunächst ist er völlig indoktriniert. Nach und nach wird er desillusioniert, hat aber immer wieder Halme, an denen er sich festklammert. Seine Katharsis ist dann mit der Entlassung aus dem Umerziehungslager Yodok abgeschlossen. Dafür, dass ein kleines Kind diesen Lernprozess ohne echte Hilfe durchmacht, fand ich diese Entwicklung etwas übertrieben. Trotzdem freut man sich am Ende natürlich, dass Jun Sang doch gegen das Regime eingestellt ist. Und ja: Es ist ein Comic. Eine verkürzte Darstellung ist durchaus erlaubt, wenn nicht sogar erbeten.

Das Buch liest sich grundsätzlich flüssig und ich kann es wirklich empfehlen. Leider gibt es keine deutsche Übersetzung. Für alle Interessierten ist meines Erachtens ein B1 im europäischen Referenzrahmen vonnöten.

Während der Lektüre habe ich immer wieder die angesprochenen Themen recherchiert. Es gibt Hilfsorganisationen, die im Untergrund operieren und Nordkoreaner nach Südkorea schleusen. Das Lager Yodok gab es wirklich, sowie viele im Buch beschriebene Grausamkeiten. Deswegen gibt es zum Abschluss hier noch einen Link zur Seite von Amnesty International über Nordkorea.

Details zum Buch

Autor: Aurélien Ducoudray & Mélanie Allag 
ISBN: 9782756051543
Verlag: Delcourt
Seiten: 144
Preis: 18€
Erscheinungsjahr: 2016

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