Rezension: Unterleuten von Juli Zeh

Als ich vor kurzem im Fernsehen die Vorschau für die Verfilmung von „Unterleuten“ sah, entschloss ich mich, dieses von der Kritik sehr positiv aufgenommene Buch von Juli Zeh einmal selbst zu lesen, um mir mein eigenes Urteil bilden zu können. „Unterleuten“ wurde im Jahr 2017 veröffentlicht und  spielt im Jahr 2010 im titelgebenden Dorf Unterleuten in Brandenburg, welches sinnbildlich für eines dieser Dörfer steht, bei denen man sich als durchfahrender Gast fragt, wer hier eigentlich wohnt. „Unterleuten“ gibt auf diese Frage zwar keine allgemeingültige Antwort, manch ein Detail könnte sich aber durchaus so oder so ähnlich auch in der Wirklichkeit wiederfinden.

Das Cover von „Unterleuten“

Die Autorin baut in ihrem 643-seitigen Werk ein atmosphärisch dichtes Bild von dem in Unterleuten lebenden Mikrokosmos aus alteingesessenen Dorfbewohnern und zugezogenen Städtern auf, die sich mit der Situation eines in ihrem Dorf geplanten Windpark konfrontiert sehen. Dieses Ereignis treibt bereits schwelende Konflikte auf die Spitze und sorgt dafür, dass Unterleuten im Laufe der Handlung zu einem Ort mutiert, der für seine Bewohner von einer idyllischen Heimat zu einer teils ganz persönlichen Hölle auf Erden wird. Den Weg dorthin beschreibt Zeh durchaus fesselnd und nimmt hierfür in jedem Kapitel die Perspektive eines anderen Protagonisten ein. Überhaupt ist diese Erzählweise der Clou des ganzen Romans, da auf diese Weise deutlich wird, dass es die eine Wahrheit nicht gibt, sondern eben nur die Sichtweisen der Beteiligten auf das Geschehene. So kommt es häufig vor, dass man in einem Kapitel mit Person A regelrecht mitleidet und sich fast schon fassungslos fragt, warum Person B in einer bestimmten Art und Weise gehandelt hat. Im folgenden aus der Perspektive von Person B geschriebenen Kapitel folgt dann allerdings meist prompt eine ebenfalls nachvollziehbare Erklärung für dieses Verhalten. Aus diesem Perspektivwechsel erwächst eine Dynamik, die es nicht leicht macht, das Buch einmal aus der Hand zu legen.

Zehs Schreibstil wird zwar von manchen Kritikern als einfach bezeichnet, allerdings ist vielleicht genau das der Grund dafür, dass sich „Unterleuten“ leicht liest und den Leser schnell in der brandenburgischen Provinz ankommen lässt. Auch die vielen Allegorien über das Leben im Allgemeinen regen zum Nachdenken an und sind in ihrer Prägnanz teilweise wirklich treffend. So verbildlicht Zeh in einer Szene das Hadern eines jeden Menschen mit dem Älterwerden mit der Trennung der Persönlichkeit in zwei Zwillinge, von denen einer den Pfad des Älterwerdens immer weiter beschreitet, während der andere irgendwann einfach stehen bleibt und sich über das Verhalten des anderen Zwillings wundert.

Obwohl eigentlich fast keiner der Protagonisten zu einhundert Prozent sympathisch ist, fiebert man in „Unterleuten“ dem unausweichlichen Ende entgegen und fragt sich anhand der sich rasant zuspitzenden Ereignisse, für wen diese Geschichte schließlich noch ein gutes Ende nehmen soll. Letzteres ist vielleicht einer der wenigen Kritikpunkte, den man „Unterleuten“ entgegen bringen kann. Werden die einzelnen Charaktere zu Anfang realistisch und detailreich eingeführt, so erscheinen manche Ereignisse im letzten Drittel des Buches fast schon absurd und man fragt sich nicht nur einmal, ob der Autorin keine anderen Ideen zur Auflösung der verworrenen Fäden eingefallen sind. Fast scheint es als sei sie plötzlich der Meinung gewesen, dass die subtilen Andeutungen in der ersten Hälfte des Buches auf einmal nicht mehr ausreichen und man dem Leser das Ende der Geschichte nun mit dem Holzhammer nahebringen muss.

Zusammenfassend kann man sagen, dass „Unterleuten“ in seiner Gesamtheit trotz der Schwächen gegen Ende ein durchaus lesenswertes Werk ist, welches nicht umsonst millionenfach verkauft wurde.

Details zum Buch:
Autorin: Juli Zeh
ISBN: 9783442715732
Preis: 12,00
Seiten: 643
Verlag: Btb
Erscheinungsjahr: 2017

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