Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste

von Henno Martin

Das Buch wurde mir von einer Freundin empfohlen. Um dem Internierungslager Andalusia zu entgehen, machen sich Henno Martin und Herrmann Korn auf, in der Wüste zu leben. Ein extrem spannendes und kurzweiliges Buch, das auch schon mit „The Sheltering Desert“ seinen Einzug in den Film gefunden hat.

Klappentext

Im September 1935 kommen zwei junge Männer, frischgebackene Doktoren der Geologie, an der Küste Südwest-Afrikas an. Sie haben Nazideutschland verlassen, beginnen geologische Forschungen im Naukluftgebirge und erkunden Wassenvorkommen für die Farmer. Der Zweite Weltkrieg holt sie ein, aus Furcht vor der drohenden Internierung als ‚feindliche Ausländer‘ fliehen Henno Martin und Hermann Korn in die Wüste, kämpfen dort mehr als zwei Jahre um das nackte physische Überleben. Hunger und Durst quälen sie, ihre wechselnden Unterkünfte, provisorisch, primitv, bilden den Ausgangspunkt für wechselndes Jagdglück auf der Suche nach Nahrung und Wasser. Sie leben fast wie Menschen der Urzeit, bewundern die karge Schönheit der Wüste, deren extreme Spannung von Tod und Leben sie zu neuen Einsichten über das Werden und Vergehen von Natur und Menschheit führt.

Buchvorstellung

Der Einstieg und die Motivation der beiden Protagonisten ist denkbar einfach: Die Flucht vor einer möglichen Internierung. Durch das Thema Internierung assoziierte ich die Geschichte vor dem Lesen sofort mit Le Diable en France von Lion Feuchtwanger. Doch gleich auf den ersten Seiten wurde ich eines Besseren belehrt: Wir haben es bei „Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste“ nach dem Geschmack einiger Rezensenten mit einem crusoe’schen Abenteuer zu tun. Den inhaltlichen Überbau zum Buch bieten aus meiner Sicht zwei Themenkomplexe. Auf der einen Seite geht es um harte Fakten, wie die Frage, wo die nächste Ration Wasser oder Essen herkommt. An dieser Stelle hilft den beiden ihre Erfahrung als Geologen. Sie kennen sich mit Pflanzen aus, wissen um natürliche Abläufe und haben schon die eine oder andere Fährte gesehen. Auf der anderen Seite wird häufig über den Werdegang des Menschen reflektiert: Warum und wie konnte sich der Mensch so weit entwickeln und „zivilisieren“? Die Spannung entsteht durch die Bewunderung bzw. die Beschreibung der Natur und den Umgang der beiden Protagonisten mit eben dieser: Martin und Korn müssen zusammen mit der Natur leben. Und diese schickt die beiden erstmal einige Entwicklungsstufen in der menschlichen Geschichte zurück. Sie müssen ihre Sesshaftigkeit aufgeben und ein Nomadenleben führen, sie müssen Hunger und Durst erleiden und sie müssen psychischen Belastungen standhalten. Dabei merken die beiden, wie unerbittlich das der Natur Ausgesetztsein eigentlich ist: So sind die erste Schlachtung eines Bullen oder später die Tötung einer trächtigen Kuh auch für den Leser wirklich intensive Kapitel. Dennoch schaffen es die beiden ein ums andere Mal zu beweisen, dass ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion nicht von der Natur genommen wurde. Wofür tun die beiden das? Warum leben die beiden nach eigenem Empfinden selbst als Barbaren, wenn sie doch eigentlich nicht Teil eines barbarischen Konfliktes sein wollen? Warum fühlen sich die beiden bestätigt, in der grausamen Natur zu Leben, während sie im Radio vom grausamen Krieg hören? Die Antwort kam in der Mitte des Buches: „Meine Steinzeitseele ist hier zu Hause“ war für mich der einprägsamste Satz aus dem Buch und für mich war klar, dass die beiden vor den Auswüchsen der Zivilisation in die Natur geflohen sind. An dieser Stelle tritt für mich der Gegensatz zur klassischen Robinson Crusoe – Geschichte hervor: Während Robinson Crusoe seine Umgebung „zivilisiert“, sind es hier Martin und Korn, die sich an ihre neue Umgebung anpassen müssen. Crusoe hatte keine Aussicht auf Heimkehr und ergriff die erste Chance nach Hause zu kommen, wohingegen Martin und Korn alles tun, um nicht in Kontakt mit der Außenwelt treten zu müssen. Hierfür nehmen sie es sogar absichtlich mit den Brutalitäten der Natur auf, die sie am Ende auch zur Aufgabe zwingt: Herrmann Korn erkrankt an Vitaminmangel.

„Meine Steinzeitseele ist hier zu Hause.“

Henno Martin

Das für mich eindrucksvollste Kapitel in diesem Buch war „Der erste Regen“ mit seinen eindrucksvollen Naturbeschreibungen und dem Nebeneinanderstehen von krassen Gegensätzen, in diesem Fall der Regen in der Wüste.

Über den Autor

Henno Martin wurde 1910 in Freiburg im Breisgau geboren. Er studierte Geologie in Göttingen, Bonn und Zürich und promovierte später auch in dem Fach. 1935 emigrierte er zusammen mit seinem Freund Herrmann Korn nach Namibia, wo beide Wasservorkommen für Farmer erforschten. Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges flohen beide in die Wüste, wo sie gut zwei Jahre verbrachten. Nach den Ereignissen im Buch arbeitete er noch weiter für die namibische Regierung, wo er für Windhoek die erste sichere Wasserversorgung etablierte. Es folgten Rufe an diverse Universitäten. Er verstarb im Jahr 1998.

Basisinformationen

Autor: Henno Martin
ISBN: 9780949995254
Seiten: 244
Verlag: Ursprünglich Verlag der S.W.A. Wissenschaftlichen Gesellschaft, jetzt Two Books.
Erscheinungsjahr: 1957, Meine Version: 1980

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